Einleitung zum 2. Band
Vorwort
Nach einem mehrjährigen Intervall erscheint nun endlich der 2. Band der Grazer Nuntiatur. Er beinhaltet die Korrespondenz Germanico Malaspinas von Juni 1582 bis November 1584 und daran anschließend diejenige Giovanni Andrea Caligaris bis Jänner 1587. Ein nicht geringer Teil der Berichte wurde außerhalb von Graz, vor allem in Augsburg, Köln und Görz, geschrieben. Da die Menge des Materials noch überschaubar ist und auch in den auswärtigen Berichten immer wieder innerösterreichische Betreffe behandelt werden, wurde in allen Fällen der Volltext ediert.
Die steigende Inanspruchnahme an der Universität ließ mir leider nicht die für große Editionsarbeiten notwendige Zeit. Der Band hätte auch jetzt nicht erscheinen können, wenn ich nicht in Frau Univ. Doz. Dr. Sabine Weiß eine unermüdliche Mitarbeiterin gefunden hätte, die mir einen Teil der Arbeit abnahm. Ihr gilt daher mein aufrichtiger Dank. Auch mein Assistent Hermann Kuprian hat sich bereitwillig an der Lesung der Korrekturfahnen und der Erstellung des Registers beteiligt.
Zu besonderem Dank verpflichtet bin ich Herrn Dr. Karlheinz Frankl, der mich auf einige zur Nuntiaturkorrespondenz gehörige, aber an entlegener Stelle verwahrte Stücke in Rom und Udine aufmerksam machte. Auch Frau Dr. Irmtraud Koller-Neumann und Frau Dr. Silvia Caramelle-Webhofer habe ich zu danken, die einige vatikanische Texte kollationierten.
Ich hoffe sehr, daß die Drucklegung des nächsten Bandes der Grazer Nuntiatur, der bereits in Arbeit ist, in absehbarer Zeit erfolgen kann.
Innsbruck, am 19. 3. 1981 Johann Rainer
I. Die Nuntiatur Graz
Vorgeschichte und Geschichte der Grazer Nuntiatur wurden bereits im ersten Band dieser Reihe eingehend dargestellt.1 Aufgaben und Wirkungsbereich blieben für den im vorliegenden zweiten Band behandelten Zeitraum unverändert: territorial also Innerösterreich (Steiermark, Kärnten, Krain, Görz, Küstenland, Triest und der österreichische Teil Istriens), inhaltlich vor allem die Ausrottung der Häresie, Wiederherstellung der katholischen Kirche und Stärkung der landesfürstlichen Autorität zur Bekämpfung der protestantischen adelig-bürgerlichen Opposition sowie zur Abwehr der Türken. Neu kommt hinzu, daß die Nuntien längere Zeit von Graz abwesend waren; Malaspina weilte 1582 am Reichstag zu Augsburg und 1583 in Köln. Caligari war von Ende 1585 bis Anfang 1587 in Görz und kehrte von dort nach Rom zurück, ohne daß ein Nachfolger ernannt worden wäre. Die Nuntiatur Graz blieb daraufhin für etwa sechs Jahre unbesetzt, bis 1592 Girolamo Portia entsandt wurde.
II. Die päpstlichen Gesandten
Germanico Malaspina2
Der seit 1580 in Graz tätige Nuntius erhielt im Frühjahr 1582 den Auftrag, Erzherzog Karl zum Reichstag nach Augsburg zu begleiten und dort mit dem Kardinallegaten Madruzzo zusammenzuarbeiten.3 Obwohl Madruzzo an der römischen Kurie der Fachmann für deutsche IXAngelegenheiten war, wurde er in seiner Instruktion wiederholt auf Malaspina verwiesen,4 ein Zeichen dafür, wie hoch man in Rom Malaspinas bisherige Tätigkeit einschätzte. Ende April teilte er Gallio seine Abreise von Graz mit.5 Mitte Mai berichtete er aus Admont6 und Anfang Juni aus Salzburg,7 wo er wichtige Verhandlungen zu führen hatte. Das Hauptproblem war der Aufbau einer katholischen Front zur Verhinderung der von protestantischen Reichsständen angestrebten Freistellung, d. h. Säkularisierung, der geistlichen Reichsfürstentümer. In München sprach Malaspina im Auftrag des Kardinallegaten Madruzzo mit Erzherzog Karl und Herzog Wilhelm von Bayern über die Freistellung und über die Beilegung von Differenzen zwischen Kaiser Rudolf II. und Erzherzog Ferdinand.8
In Augsburg arbeitete Malaspina mit den beiden anderen Vertretern Roms, Kardinallegat Madruzzo und Nuntius Bonomi, eng zusammen. Neben den oben erwähnten Reichsangelegenheiten befaßte er sich auch hier vor allem mit innerösterreichischen Problemen, insbesondere der Rekatholisierung des Landes und der Türkenabwehr, die auf dem Reichstag behandelt wurde.9 Große Aufregung verursachte die Ankunft von Vertretern der evangelischen Stände Innerösterreichs, die bei den protestantischen Reichsständen und beim Kaiser Hilfe gegen die Religionspolitik Erzherzog Karls suchten.10
Ende September 1582 kehrte Malaspina nach Graz zurück, wo auf Drängen des dort anwesenden Herzogs Wilhelm mit der Einkerkerung evangelischer Bürger erste energische Schritte im Sinne der Gegenreformation gemacht wurden.11 In den folgenden Monaten wird in den Berichten immer wieder darauf eingegangen, bis endlich Anfang 1583 die Bürger nachgaben und das Religionsdekret akzeptierten.12 Der evangelische Adel, der während dieser Zeit geschont wurde, intervenierte erfolglos bei Erzherzog Karl zugunsten der Bürger. Ebensowenig erreichten die Interzessionsschreiben mehrerer Reichsstände.13
XSeit dem Sommer 1582 war Malaspina auch mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders befaßt.14 Der vom Papst vorgesehene Termin, 4./15. Oktober 1582, wurde aber nicht eingehalten.15 Auch eine Mahnung Gregors XIII., im Februar 1583 mit dem neuen Kalender zu beginnen, blieb erfolglos.16 Erzherzog Karl publizierte ihn erst im Herbst 1583.17 Der Kalenderstreit zog sich aber noch einige Zeit hin, wobei sich die Protestanten auch um ein Gutachten an die Universität Tübingen wandten.18
Einen guten Teil des Jahres 1583 war Malaspina fern von Graz. Am 13. Jänner erging an ihn die Weisung, sich umgehend nach Innsbruck zu begeben, um den dort lebenden Kardinal Andreas von Österreich, der zum Legaten für die Beilegung der Kölner Wirren ernannt worden war, nach Köln zu begleiten.19 Der Kardinal, dem auch Nuntius Bonomi zugeteilt war, kam aber nur bis Speyer. Die Weigerung des Pfalzgrafen Johann Kasimir, ihm den Durchzug durch die Pfalz zu gestatten, veranlaßten Andreas von Österreich, sich nach Breisach zurückzuziehen. Malaspina nahm daraufhin den Umweg über Lothringen nach Köln, wo er am 28. März/7. April 1583 ankam. Zusammen mit Minutio Minucci, der schon seit Jänner in Köln war, und Bonomi, der am 20./30. April eintraf, blieb dann Malaspina in Köln, bis die durch den Abfall des Erzbischofs Gebhard Truchseß ausgelösten Wirren mit der Wahl Ernsts von Bayern zum Erzbischof von Köln beendet waren. Er nahm den Rückweg durch Belgien und Lothringen und kam, über München, Salzburg, Admont und Straßburg in Kärnten reisend, erst im September wieder nach Graz zurück.20
Während der Abwesenheit Malaspinas hat über dessen Ersuchen der Bischof von Gurk, Christoph Andreas von Spaur, nach Rom berichtet, insbesondere über den im Februar/März 1583 abgehaltenen steirischen Landtag.21
Am 27. April 1583 wurde Malaspina zum Bischof von San Severo in Apulien ernannt. Die Bischofsweihe empfing er auf der Rückreise von XIKöln am 25. August 1583 vom Gurker Bischof in der Kollegiatkirche zu Straßburg in Kärnten.22
Anläßlich des steirischen Landtags im Dezember 1583/Jänner 1584 bemühte sich Malaspina besonders um Ausschließung der Religionsfrage von den Verhandlungen, die möglichst nur der Türkenabwehr gewidmet sein sollten. Er befürchtete nämlich, daß die protestantischen Stände die Bewilligung der dringend notwendigen Gelder für die Türkengrenze von der Erfüllung religiöser Forderungen abhängig machen könnten.23 Ein weiteres Anliegen war, die Bürger von den Adeligen zu trennen.24 Beides gelang nicht ganz, aber der Abschluß des Landtages ohne neue Konzessionen an die Protestanten galt bereits als Erfolg.25
Im Frühjahr 1584 wurde die Durchführung des Religionsdekretes gegen evangelische Bürger, die in den Augsburger Religionsfrieden eingeschlossen sein wollten, wieder aufgenommen. Trotz harter Strafen konnte aber kein durchschlagender Erfolg erzielt werden.26
Wiederholt versuchte die innerösterreichische Regierung, päpstliche Hilfsgelder zu erhalten. Diese waren aber nicht so sehr für die Türkengrenze, sondern für den Unterhalt einer Besatzung in Graz gedacht, um der Rekatholisierung den nötigen Nachdruck verleihen zu können. Zusagen erfolgten, Malaspina schickte Familiaren zum Abholen des Geldes nach Venedig, die aber unverrichteter Dinge wieder umkehren mußten. Man fand in Rom, daß die äußerste Notwendigkeit noch nicht gegeben wäre, verwies auf die angespannte Finanzlage des Kirchenstaates durch die Köln und Kaiser Rudolf II. gewährten Subsidien sowie die Sonderausgaben zur Banditenbekämpfung. Die Kurie riet, die Unkosten der Besatzung durch die Schuldigen, nämlich die evangelischen Bürger, zahlen zu lassen.27
Die Beziehungen Malaspinas zu den Prälaten Innerösterreichs, die am Anfang seiner Nuntiatur nicht immer gut waren,28 besserten sich. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit dem Bischof von Gurk, XIIChristoph Andreas Spaur, der auch innerösterreichischer Statthalter war.29 Ausgezeichnet war das Verhältnis Malaspinas zu den Jesuiten.30
Am 29. August 1584 bat Malaspina um eine andere Verwendung. Umgehend wurde ihm die Erfüllung seiner Bitte in Aussicht gestellt, und am 13. Oktober wurde er zum Nuntius am Kaiserhof ernannt. Er mußte nur noch die Ankunft seines Nachfolgers Giovanni Andrea Caligari in Graz abwarten. Dieser kam am 26. November an und Malaspina reiste am 29. November nach Prag ab, wo er bis zum Frühjahr 1586 als Nuntius bei Kaiser Rudolf II. tätig war.31 Anschließend kehrte er nach Italien zurück, war 1591/92 Nuntius in Neapel und 1592—1599 Nuntius in Polen. Im Jahr 1604 starb er und wurde in seiner Kathedralkirche zu San Severo in Apulien beigesetzt.32
Giovanni Andrea Caligari
Caligari wurde am 14. Oktober 1527 in Brisighella geboren, seine Eltern waren Giuliano und Cornelia Gualamini.33 Seit 1547 studierte er in Bologna, wo er 1554 zum Doktor der Rechte promoviert wurde. Im gleichen Jahr erhielt er die erste kleine Beschäftigung an der Kurie, anschließend stand er in Diensten des Kardinals G. F. Commendone. 1561 empfing er die Weihen und wurde sogleich dank der Protektion Commendones Vikar des Kardinals B. Scotti im Bistum Piacenza. Nach drei Jahren eifrigen Dienstes in Piacenza war er kurze Zeit Vikar des Kardinals Ranuccio Farnese in Bologna, dann kehrte er nach Rom zurück, wo er zuerst bei Kardinal Ippolito d’Este und dann wieder bei Kardinal Commendone tätig war. 1566 begleitete er Commendone zum Augsburger Reichstag. Zweimal wurde er von dort wegen der schwierigen Verhandlungen nach Rom gesandt, wo es ihm gelang, Papst Pius V. für die von Commendone am Reichstag verfolgte Politik der stillschweigenden Anerkennung des Augsburger Religionsfriedens zu gewinnen.34
1570 erhielt Caligari die Pfarre San Giovanni in Octavo bei Brisighella, die 300 Dukaten Jahreseinkommen brachte. In diese Zeit fallen engere Kontakte mit Karl Borromäus, den er wahrscheinlich schon aus XIIIseiner Zeit in Piacenza kannte. Caligari blieb wahrscheinlich bis 1574 in seiner Pfarre, ging dann wieder nach Rom und verzichtete auf die Pfarre. Sein neuer Protektor in Rom war Kardinal Antonio Caraffa. Caligari wurde nun definitiv in die päpstliche Bürokratie und Diplomatie aufgenommen. 1574 wurde er Referendar beider Signaturen und im gleichen Jahr erfolgte seine Entsendung nach Siena, wo er die vom Klerus dieser Stadt an die Apostolische Kammer zu zahlenden Abgaben eintreiben sollte. Nach seiner Rückkehr von diesem rasch erledigten Auftrag ernannte ihn Gregor XIII. mit Breve vom 16. Oktober 1574 zum apostolischen Kommissar und Kollektor in Portugal und beauftragte ihn, König Sebastian von Portugal, der von einer militärischen Expedition in Marokko zurückgekehrt war, den geweihten Degen und Hut zu überbringen.35
Im September 1577 wurde Caligari nach Rom zurückberufen, wo seine Wertschätzung inzwischen so gestiegen war, daß der Wunsch Karl Borromäus’, ihn als Generalvikar nach Mailand zu bekommen, abgeschlagen und Caligari Ende 1577 zum Nuntius in Polen ernannt wurde.36 In Polen hatte er sich außer um die kirchlichen Anliegen — Durchführung der Beschlüsse des Trienter Konzils und Abwehr des Protestantismus — vor allem um die Besserung der Beziehungen zwischen König Stephan Bathory und Kaiser Rudolf II. sowie um die Herstellung eines wenigstens zeitweiligen Friedens zwischen Polen und Moskau zu bemühen; wennmöglich sollte eine Liga gegen die Türken zustandekommen. Aber weder mit Moskau noch mit Habsburg konnte Caligari eine Aussöhnung herbeiführen. Im September 1581 wurde er daher nach Rom zurückberufen.
Inzwischen hatte er 1579 das Bistum Bertinoro in der Romagna erhalten, wohin er sich nach kurzem Aufenthalt am päpstlichen Hof begab. Drei Jahre wirkte er mit Eifer in seiner Diözese, ehe er zum Nuntius in Graz ernannt wurde.37
Mit Breve vom 13. Oktober 1584 teilte Gregor XIII. Erzherzog Karl die Versetzung Malaspinas an den Kaiserhof und die Entsendung von Caligari nach Graz mit.38 Am 16. Oktober brach Caligari von Rom auf, um über Bertinoro, wo er sich zur Regelung verschiedener AngelegenXIVheiten kurz aufhielt, sowie über Bologna und Venedig an seinen Bestimmungsort zu reisen.39 Am 26. November 1584 kam er in Graz an, wo ihn Malaspina schon sehr erwartete und in den folgenden beiden Tagen in sein neues Amt einführte.40
Außer Zweifel hat Caligari bereits in Rom mündliche Weisungen erhalten; die ansonsten übliche schriftliche Instruktion konnte aber trotz allen Suchens weder im Konzept noch im Original gefunden werden. Die Fakultäten wurden ihm nachgeschickt und im Lauf der Zeit erweitert.41
Die Tätigkeit Caligaris in Graz war weniger bedeutend als die Malaspinas, der, schon weil er der erste Nuntius in Innerösterreich war und sich hier viel länger aufhielt, mehr leisten und auffallen konnte; dazu kamen dann noch seine beiden Aufträge nach Augsburg und Köln. Caligari dagegen floh nach nur etwa einem Jahr Aufenthalt in Graz vor der Pest an den äußersten Rand seines Nuntiaturbereiches, wo er praktisch in seiner Amtstätigkeit auf die weitere Umgebung beschränkt blieb, ehe er Anfang 1587 nach Rom zurückkehrte.42
Die Aufgaben Caligaris in Graz waren meist kirchlicher Natur. Nur vereinzelt erwähnt er Fragen der Reichspolitik, gelegentlich berichtet er über Probleme mit den Türken sowie über Schwierigkeiten zwischen Innerösterreich und Venedig, nur ganz selten geht er darüber hinaus.
Während der Nuntiatur Malaspinas wurde erreicht, daß der Protestantismus in Innerösterreich sich nicht weiter ausdehnte und festigte, sondern seine Position in manchem sogar verschlechterte; aber dadurch hatte die katholische Kirche noch nicht gewonnen.43 Die Protestanten hatten gehofft, daß nach Malaspina kein neuer Nuntius nach Graz kommen würde. Um verschiedenen Gerüchten zu begegnen, gab Caligari Erzherzog Karl die beruhigende Erklärung, daß er nicht gekommen sei, um Verwirrung zu stiften, sondern zu beruhigen und mit apostolischer Autorität zu helfen.44 Beim Erzherzog fand er zwar guten Willen, aber nicht die notwendige Tatkraft vor.45 Ein Teil der Minister und Hofleute zeigte dagegen wenig Interesse an der Religion oder war sogar häretisch.46 Es fehlte aber auch nicht an Männern, die bereit waren, mit dem Nuntius XVzusammenzuarbeiten. Dazu gehörten Johann Tautscher, Bischof von Laibach und zugleich innerösterreichischer Statthalter in Graz, P. Heinrich Blyssem, Provinzial der Jesuiten und Beichtvater Erzherzog Karls, sowie der Hofkanzler Wolfgang Schranz.47
Gemäß den aus Rom erhaltenen Weisungen drängte Caligari Erzherzog Karl immer wieder, die bereits früher erlassenen Religionsdekrete, die vor allem gegen die protestantischen Bürger gerichtet waren,48 durchzuführen. Rücksicht auf die landesfürstlichen Steuerforderungen bei den bevorstehenden Landtagen von Kärnten, Krain und Steiermark, die mehrheitlich von Evangelischen beschickt waren, zwangen die Regierung zu größerer Vorsicht gegenüber den Protestanten, als es Caligari gewünscht hatte.49 In Kärnten und Krain gingen die Landtage im Jänner/Februar 1585 vorbei, ohne daß über Religion geredet worden wäre.50 Auf dem steirischen Landtag hingegen weigerten sich die protestantischen Stände, in die Diskussion über die landesfürstlichen Steuerforderungen einzutreten, bevor nicht ihre Beschwerden, vor allem die die Religion und die evangelischen Bürger betreffenden, erledigt wären.51 Erzherzog Karl gab zwar nicht nach, aber die Hoffnungen Caligaris auf energisches Vorgehen gegen die Protestanten erfüllten sich nicht.52 Es blieb bei einzelnen Aktionen gegen die Bürger, während gegen den evangelischen Adel, auf dessen Mitwirkung Erzherzog Karl bei der Verteidigung der Türkengrenze an gewiesen war, nichts unternommen wurde.53
Zu den wichtigen Aufgaben der Nuntien gehörte auch die Sorge, geeignete Kandidaten für das Bischofsamt zu finden und deren Ernennung zu betreiben. Als Caligari nach Graz kam, waren die Bistümer Seckau und Lavant verwaist. Unter Caligaris Mitwirkung gelang es, zwei hervorragende Oberhirten zu gewinnen, Martin Brenner für Seckau54 und Georg Stobäus für Lavant,55 die beide zu den eifrigsten Vorkämpfern für die Wiederherstellung der katholischen Kirche in Innerösterreich werden sollten.
Obwohl die von Pius IV. gewährte Konzession des Laienkelches schon längst wieder abgeschafft war, wurde noch an vielen Orten die Kommunion unter beiderlei Gestalt gespendet. Bischof Christoph Andreas XVISpaur von Gurk wurde daher vom Papst aufgefordert, diesen Zustand in seiner Diözese baldigst abzustellen. Caligari drängte den Bischof, der schwere Bedenken hatte, auf genaue Beachtung des päpstlichen Gebotes.56
Die Reform der Welt- und Ordensgeistlichkeit gehörte zu den wichtigsten Aufgaben Caligaris. Visitationen, die er zum Teil selbst vornahm, sollten ihm nicht nur die Möglichkeit bieten, lehrend aufzutreten, sondern auch den kirchlichen Besitz, der nur noch würdigen Amtsträgern überlassen werden sollte, zu überprüfen und das Konkubinat der Priester abzuschaffen.57 Die Priester sollten durch Geldstrafen, die nach Caligaris Meinung bei diesem habsüchtigen Volk wirksamer waren als jede andere Strafe, zur Entfernung ihrer Konkubinen gezwungen werden. Bei den Ordensleuten, deren es nur noch wenige gab, waren die Mißstände nicht geringer als beim Weltklerus. Nach Caligari führten alle, gleich welchen Namen sie trugen, ein skandalöses Leben. Ihre Verderbnis schien ihm so groß, daß er kaum Hoffnung auf Besserung sah, sondern vielmehr befürchtete, durch offene Ahndung ihrer Vergehen das Ärgernis beim Volke noch zu vergrößern.58
Das Verhältnis Caligaris zu den Jesuiten, die damals am Hofe Erzherzog Karls großen Einfluß hatten und in Graz eine Universität errichteten, wurde im Lauf der Zeit immer schlechter. Schließlich beschuldigte er sie sogar, gegen notwendige kirchliche Neuerungen zu sein, um die von ihnen usurpierte Herrschaft über den Klerus weiter ausüben zu können.59
Unermüdlich war Caligari bemüht, die schwierigen Beziehungen zwischen Erzherzog Karl einerseits und Venedig und dem Patriarchen von Aquileia andererseits zu verbessern. Wenn auch Hauptziele wie die Zurückdrängung des venetianischen Einflusses auf das Patriarchat durch die Ernennung eines Koadjutors für den österreichischen Anteil der Diözese Aquileia oder noch besser durch die Errichtung von zwei neuen Bischofsitzen, nämlich in Görz und Völkermarkt, nicht erreicht werden konnten, so gelang ihm doch fallweise eine Entspannung.60
XVIINachdem er schon über ein Jahr nicht mehr in Graz, sondern in Görz war, wiederholt um Enthebung von seinem Amt als Nuntius gebeten und auch einen Nachfolger empfohlen hatte, verließ Caligari Anfang 1587 seinen Nuntiaturbezirk. Sein letzter Bericht ist vom 15. Jänner 1587 datiert.61 in einer Depesche vom 2. Mai 1587 wird schon seine Rückkehr nach Rom gemeldet.62
Seit 1. Jänner 1588 ist Caligari in Rom als Sekretär des Kardinalnepoten Montalto (Alessandro Peretti) nachweisbar. Er wurde damit einer der engeren Mitarbeiter Papst Sixtus V. Unter Urban VII., Gregor XIV. und Innozenz IX. verblieb er an der päpstlichen Kurie und wurde 1591 Leiter einer der drei Sektionen des (Staats)sekretariats.63 Von Clemens VIII. zunächst in seiner Funktion belassen, zog er sich 1593 nach Bertinoro zurück, wo er bis an sein Lebensende — er starb am 19. Jänner 1613 — verblieb. Nur einmal noch kehrte er in die Politik zurück, nämlich als Begleiter des Kardinals Aldobrandini bei der Besitzergreifung Ferraras für den Kirchenstaat im Jahr 1597.64
Die letzten Jahre betrieb Caligari neben seinem Bischofsamt auch historische Studien, so zur Geschichte seines Heimatortes Brisighella sowie des Königreiches Italien. Er war auch einer der Promotoren für Uberto Fogliettas Geschichte der Expedition Stephan Bathorys.65
III. Die Quellen
Von den insgesamt 328 Nummern dieses Bandes stammen 124 von Malaspina, 76 von Caligari und 10 von Bischof Christoph Andreas Spaur von Gurk, der während der Sendung Malaspinas nach Köln von diesem beauftragt worden war, laufend nach Rom zu berichten. Von diesen insgesamt 210 Schreiben waren gut zwei Drittel an Kardinal Gallio gerichtet, 40 an Kardinal Rusticucci und nur vereinzelte Briefe ergingen an die Kardinäle Azzolino (5), Pellevé (4), Madruzzo (2), Alessandrino (2) sowie an den Jesuitengeneral (2), Erzherzog Karl (1), Herzog Wilhelm von Bayern (3) und den Erzbischof von Salzburg (1).
XVIIIAus Rom kamen 3 Schreiben von Gregor XIII., 4 vom Jesuitengeneral und 102 von Kardinal Gallio. Einen Brief schrieben die steirischen Stände A. B. an Malaspina, vier Schreiben stammen von Herzog Wilhelm und eines vom Prior des Grazer Dominikanerklosters.
Während die Korrespondenz Malaspinas zum größten Teil erhalten geblieben ist, mußten bei Caligari bedeutende Verluste festgestellt werden. Von April 1585 — Beginn der Regierung Sixtus V. und Bestellung Rusticuccis zum Kardinal(staats)sekretär — bis zum Ende der Nuntiatur Caligaris Anfang 1587 konnten nur 3 Weisungen gefunden werden, obwohl nach der Geschäftsordnung angenommen werden kann, daß jede Woche eine ergehen sollte. Für 1585 konnten einige aus der Empfangsbestätigung in den Berichten Caligaris erschlossen werden. Da aber ab 1586 nur noch ganz wenige Berichte Caligaris erhalten blieben, kann auch daraus nicht mehr festgestellt werden, ob — wie unter normalen Umständen — weiterhin wöchentlich eine Weisung erfolgte. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, daß bald nach der Ankunft Caligaris in Görz (Ende 1586) die Korrespondenz stark nachließ, weil es fern vom Grazer Hof für den Grazer Nuntius immer weniger zu berichten gab.
Die Korrespondenz wurde in folgenden Archiven und Handschriftensammlungen gefunden:
Für den Kommentar wurden im Vatikanischen Archiv die Bestände der Nunziatura Francia, Nunziatura Polonia, Nunziatura Portogallo, Nunziatura Spagna und Nunziatura Venezia eingesehen, ferner die Berichte des Nuntius am Kaiserhof benutzt. Ebenso wurden die im Wiener Haus¬, Hofund Staatsarchiv verwahrte Korrespondenz des kaiserlichen Gesandten in Rom (Rom Korrespondenz 42) und die im Archivio di Stato in Venedig liegende Korrespondenz des venezianischen Gesandten am Kaiserhof (Dispacci Germania, filza 9, 10, 11, 12, 13) herangezogen. Besonders ergiebig war natürlich das Steiermärkische Landesarchiv, vor allem die Landtagsakten 427, 428, 430, 431 und 432, die Landtagshandlungen 33, 34, 35 und 36, Reformation 74 und 75 sowie die Militaria für die betreffenden Jahre. Außer den im ersten Band dieser Reihe angeführten Archiven wurden auch im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, im Archivio di Stato in Rom und in der Biblioteca Arcivescovile in Udine Nachforschungen angestellt.
IV. Chiffrenschlüssel
Malaspina und Caligari benutzen nur sehr selten die Chiffre. Für den in diesem Band behandelten Zeitraum ist kein einziger Chiffretext im Original erhalten geblieben, sondern nur einige Chiffre-Minuten sowie bereits entzifferte Schreiben. Malaspina und Caligari gebrauchten den gleichen Schlüssel, der in der Sammlung des Matteo Argenti, Nipote des Chiffren-Sekretärs unter Gregor XIII. Giovanni Battista Argenti, überliefert ist.66 Häufig vorkommende Personen, Begriffe und Wörter wurden mit einer zweistelligen Zahl verdeckt Buchstaben teils mit ein-, teils mit zweistelligen Zahlen. Für die Vokale standen zur Erschwerung von Entzifferungsversuchen zwei Zahlen zur Verfügung.67
| a | b | c | d | e | f | g | h | i | l | m | n | o | p | q | r | s | t | u | z |
| 3 | 5 | 7 | 9 | 13 | 23 | 33 | 43 | 15 | 25 | 35 | 45 | 55 | 65 | 75 | 85 | 95 | 17 | 27 | 37 |
| 01 | 03 | 05 | 07 | 09 |
V. Editionsgrundsätze
Die im ersten Band angewandte Methode wurde beibehalten, nämlich möglichst Druck des Volltextes nach der besten Überlieferung unter Belassung der Orthographie, aber Anpassung der Akzentsetzung, Interpunktion sowie Groß- und Kleinschreibung an den heutigen Gebrauch, Vereinheitlichung der Anrede- und Titelform und schließlich Weglassung der Anfangs- und Schlußformeln samt Datum.
Drucke werden nur angegeben, wenn es sich um eine Edition handelt. Nicht berücksichtigt wurden Erwähnungen oder auch Teilabdrucke irgendwo im Text oder in Fußnoten. Unter Zugrundelegung dieses XXIGrundsatzes waren von den insgesamt 328 Nummern dieses Bandes bisher lediglich 20 publiziert. Nimmt man auch die vor allem von Reichenberger in Fußnoten auszugsweise mitgeteilten Berichte68 als zum Teil bekannt an, so zeigt es sich, daß rund 80%, der Korrespondenz der Nuntiatur Graz von Juni 1582 bis Jänner 1587 hier erstmals veröffentlicht wird.
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| Schulze, Winfried | Landesdefension und Staatsbildung. Studien zum Kriegswesen des innerösterreichischen Territorialstaates (15641619), Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 60, Wien-Köln-Graz 1973. |
| Steinhuber, Andreas | Geschichte des Kollegium Germanikum Hungarikum, Bd. 1, Freiburg 2 1906. |
| Stepischneg, Jakob | Georg III. Stobaeus von Palmburg, Fürstbischof von Lavant, AÖG 15 (1856), S. 71—132. |
| Stieve, Felix | Der Kalenderstreit des sechzehnten Jahrhunderts in Deutschland, Abhandlungen der Histor. Klasse der Kgl. bayerischen Akademie der Wissenschaften 15, 3. Abt., München 1880 S. 3—98. |
| Stieve, Felix | Die Verhandlungen über die Nachfolge Kaiser Rudolfs II. in den Jahren 1581—1602, Abhandlungen der Histor. Klasse der Kgl. bayerischen Akademie der Wissenschaften 15, 1. Abt., München 1880, S. 3—160. |
| Toupin, Robert | Correspondance du nonce en France Giovanni Battista Castelli (1581—1583), Acta Nuntiaturae Gallicae 7, Rom-Paris 1967. |
| Weiß, S., siehe Rainer. | |
| Wiesflecker, Hermann | Das Gründungsdatum der Universität Graz, Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, Sonderband 16 (1968), S. 48—61. |
| Wiesflecker, Hermann | Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, Bd. 3, Wien 1977. |
| Zahn, Josef | Der Kalenderstreit in Steiermark, Mitteilungen des historischen Vereines für Steiermark 13 (1864), S. 126—146. |
| Zedrosser, Thomas | Die Stadt Friesach in Kärnten, Klagenfurt 3 1953. |
Fußnotenapparat
- 1 Siehe Rainer, Grazer Nuntiatur I, S. VIII—XV.
- 2 Vgl. ebd. S. XVff.
- 3 Ebd., S. 397f., 401.
- 4 Hansen, Nuntiaturberichte III/2, S. 391, 394.
- 5 Rainer, Grazer Nuntiatur I, S. 412.
- 6 Ebd. S. 424f.
- 7 Siehe unten Nr. 1.
- 8 Nr. 3.
- 9 Nr. 4, 11, 26.
- 10 Nr. 18, 19, 26, 27.
- 11 Nr. 21, Anm. 3, Nr. 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37.
- 12 Nr. 42, 43, 48, 53, 55.
- 13 Nr. 37, 46, 48, 60.
- 14 Nr. 6.
- 15 Nr. 34.
- 16 Nr. 51, 60.
- 17 Nr. 58, Anm. 6, Nr. 124.
- 18 Nr. 154.
- 19 Nr. 56; vgl. auch Hansen, Nuntiaturberichte IIII/1, S. 294ff.
- 20 Nr. 102, 104, 106, 109, 111, 115.
- 21 Nr. 65, 68, 70, 71, 73, 74, 76, 78, 80, 85.
- 22 Nr. 89, 97.
- 23 Nr. 133.
- 24 Nr. 129.
- 25 Nr. 149, 170.
- 26 Nr. 166, 167, 169, 171, 172, 174, 179, 181, 189, 192, 201, 204.
- 27 Nr. 174, 180, 183, 187, 190, 197.
- 28 Grazer Nuntiatur I, S. 316, 334.
- 29 Nr. 64, 65, 138, 144, 149.
- 30 Nr. 140, 153, 159, 223.
- 31 Nr. 199, 200, 207, 214, 229, 230.
- 32 Reichenberger, Nuntiaturberichte II/1, S. XXXIVf. und S. 230, Anm. 1; Rainer, Grazer Nuntiatur I, S. XX.
- 33 De Caro, Giovanni Andrea Caligari, Dizionario Biografico degli Italiani 16, S. 711ff.
- 34 Vgl. Dengel, Nuntiaturberichte II/5, S. LXXXVIf. und Register S. 262.
- 35 Arch. Vat. Nunz. Portogallo, Lett. Orig. di Caligari 1574 XII 231576 XII 24, 502 Folien; vgl. auch De Caro a.a.O., S. 712f.
- 36 Boratyński, I. A. Caligarii Nuntii Apostolici in Polonia Epistolae et Acta, S. XXX, LXXIV und 1ff.
- 37 De Caro a.a.O., S. 715.
- 38 Nr. 207.
- 39 Nr. 211, 217.
- 40 Nr. 230, 232.
- 41 Nr. 210, 218, 251, 254, 257.
- 42 Nr. 328.
- 43 Loserth, Reformation und Gegenreformation, S. 468.
- 44 Nr. 232.
- 45 Nr. 233.
- 46 Nr. 242.
- 47 Nr. 233.
- 48 Nr. 236, 237, 252, 259.
- 49 Nr. 241, 258, 260.
- 50 Nr. 241, 254, 256.
- 51 Nr. 265.
- 52 Nr. 272.
- 53 Nr. 284.
- 54 Vgl. über ihn Schuster, Fürstbischof Martin Brenner, Graz—Leipzig 1898.
- 55 Vgl. über ihn Stepischneg, Georg III. Stobaeus von Palmburg, Fürstbischof von Lavant, AÖG 15 (1856), S. 71—132.
- 56 Nr. 241, 289.
- 57 Nr. 320, 321, 322.
- 58 Nr. 269, 294.
- 59 Nr. 315, 317, 327.
- 60 Nr. 239, 307, 311, 318.
- 61 Nr. 328.
- 62 Pastor, Geschichte der Päpste X, S. 343, Anm. 3.
- 63 Hansen, Nuntiaturberichte III/1, S. 750, Anm. 7.
- 64 Vgl. Pastor, Geschichte der Päpste XI, S. 590ff.
- 65 De Caro a.a.O., S. 717.
- 66 Bibl. Vat. Chigi M II 50, f. 1*r.
- 67 Ebd., f. 6*r, 10*r; Meister, Geheimschrift, S. XXIV, 324, 328.
- 68 Reichenberger, Nuntiaturberichte II/1, S. 431ff.